Auf große Resonanz stieß eine Tagung der Klinik Schönsicht Berchtesgaden, die aktuelle Themen der Kinderheilkunde zum Inhalt hatte. Kinderärzte*, Sozialarbeiter, Pädagogen und Therapeuten aus dem gesamten südostbayerischen Raum sowie dem benachbarten Österreich kamen zur „Neubichler Alm“, um sich über neueste Trends in der Pädiatrie zu informieren. Die Haupthemen waren krankhafte Adipositas, Asthma bronchiale und andere Viruserkrankungen mit Langzeitfolgen sowie Medien- und Internetabhängigkeit.
Adipositas – multimodale Therapie hilft
Die stigmatisierende – sehr starke – Adipositas wird heutzutage als bis zu 70 % vererbt angesehen, und einzelne Varianten sind sogar zu 100 % genetisch bedingt. Doch stehen wir erst am Anfang einer kompletten Entschlüsselung der maßgeblichen Gene. Darüber waren sich die Professoren Dr. med. Martin Wabitsch (Universität Ulm) und Dr. med. Daniel Weghuber (Paracelsus Universität Salzburg) einig. Bei extrem ausgeprägter Adipositas im frühen Kindesalter finden sich nicht selten Störungen im Leptinstoffwechsel, die durch Substitution vollkommen heilbar sind (Wabitsch). Bei anderen komplizierten Adipositas-Fällen kann es sinnvoll sein, die Therapie mit der sog. „Abnehmspritze“ zu beginnen (Weghuber). Immer ist aber die Kombination mit Schulungen zur Lebensstiländerung, Optimierung von Ernährung und körperlicher Aktivität notwendig. Bewegung und Sport in der Therapie sollten einen Schwerpunkt legen auf eine gezielte Förderung von Muskelmasse, Kraft und Ausdauer, da diese bei adipösen Menschen häufig unterentwickelt sei, so Univ.-Mag. Dr. Dr. Susanne Ring-Dimitriou (Universität Salzburg). Digitale Gesundheits-Apps können in der Nachbetreuung Adipöser für eine verbesserte Langzeitwirkung hilfreich sein (Weghuber).
Die Adipositas-Behandlung bleibt eine Domäne spezialisierter Einrichtungen, weil eine multimodale Therapie angeboten werden muss (Ernährungs-, Bewegungs- und ggf. Psychotherapie). Dies konnte Kinderfachärztin Dr. med. Anna Maria Cavini (St. Veit an der Glan) überzeugend darstellen. Da es in Deutschland derzeit noch keine Spezialpraxen für adipöse Kinder gibt, sind betroffene Familien in der Regel gut beraten, wenn sie sich an Spezialambulanzen von Kinderkliniken zur eingehenden Diagnostik und Beratung überweisen lassen. Eine sehr große Bedeutung im Sinne eines „Startschusses“ der Therapie kommt hier nach wie vor den Rehakliniken für Kinder und Jugendliche zu – wie der Klinik Schönsicht Berchtesgaden. Über deren wissenschaftlich erfasste Langzeiterfolge (LOGIC-Studie) bei adipösen Kindern und Jugendlichen berichtete Katharina Gruber (Doktorandin der TUM, School of Medicine).
Gute Fortschritte in der Asthmatherapie
Eine Asthmatherapie kann heutzutage so erfolgreich durchgeführt werden, dass ein normales Leben und sogar auch intensiver Sport möglich sind. Bei Therapieversagen sollten immer erst mögliche Fehlerquellen (vermeidbare Auslöser, Einnahmeverhalten, Inhalationstechnik etc.) ausgeschlossen werden, ehe man zur Dosissteigerung greift. Schwerste Asthmaverläufe bei Kindern sind eher selten, und deren Behandlung ist die Domäne von Kinder-Pneumologen oder entsprechenden Spezialambulanzen. Dies konnte der Pneumologe Dr. med. Alexander Kiefer (Universitätskinderklinik Regensburg) überzeugend präsentieren. Er berichtete auch über die aktuelle Situation relevanter virologischer Atemwegserkrankungen wie Corona-, Influenza-, RSV-, und EBV-Viren.
Viruserkrankungen – zurück in die Normalität
Nicht erst seit den Coronavirus-Infektionen gibt es postinfektiöse Syndrome wie „long covid“ und Myalgische Enzephalomyelitis /Chronisches Fatiguesyndrom. Diese erschöpfenden, oft verkannten Spätfolgen von Viruserkrankungen führen zu monate- bis jahrelangen Leidensgeschichten von Menschen, die nicht nur von medizinischen Laien abgewertet werden. Darüber berichtete Dr. med. Cordula Warlitz (Klinikum München Schwabing, TUM). Wie schwierig und mühselig der Weg zurück in die Normalität sein kann und wie eine multimodale Therapie helfen kann, stellte Dr. med. Anke Joas anhand ihres reichen Erfahrungsschatzes von mehr als 100 Rehabilitanden der Klinik Schönsicht Berchtesgaden dar.
Flucht in digitale Welten
Schließlich konnte mit Prof. em. Dr. med. Rainer Thomasius (Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf) ein ausgewiesener Experte für die Internet- und Spielsucht bei Jugendlichen für das Symposium gewonnen werden. Thomasius zeichnete die Entwicklung eines Störungsbildes auf, das sowohl Politik als auch Gesellschaft schnellstens ins Handeln bringen sollte. Da die Klinik Schönsicht mit wissenschaftlicher Begleitung der Charité Berlin seit Juli 2025 das Pilotprojekt „MeKi“ – Medienabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen – in der Klinik umsetzt, erläuterte Dr. rer. medic. Judith Stumm (Charité – Universitätsmedizin Berlin) das Projekt, bevor Tim Wanders (Augustinum Bischofswiesen) seine Erfahrungen hinsichtlich der Gründe für die häufige Medienflucht schwer adipöser Patienten teilte. Zum Abschluss präsentierte Psychologin Laura Kubasek die bisherigen Ergebnisse zur multimodalen stationären Therapie in der Klinik Schönsicht. Mit ihrem Beitrag endete am frühen Abend die Tagung.
*Für eine bessere Lesbarkeit verwenden wir die männliche Form der Anrede. Gemeint sind stets Personen jeglicher Geschlechtsidentität.
